per:winker:drums

Q.: Wie bist Du dazu gekommen, mit Schlagzeugspielen Deinen Lebensunterhalt zu verdienen ? Gab es eine Familientradition in Bezug auf Musik ?
A.: Die Familientradition gab es nicht. Meine Eltern liebten Musik und es gab auch immer jede Menge Schallplatten im Haus. Aber niemand in meiner Familie war Musiker. Als ich klein war, habe ich jeden Tag mit meiner Mutter gesungen und ich besaß relativ zeitig (für damalige Verhältnisse) ein eigenes Radio und einen Plattenspieler, auf dem ich die alten 45er Scheiben meiner Eltern hörte - Klassik, Big Band und Schlager. Im Radio suchte ich mir hauptsächlich Klassik, das hat mich frühzeitig geprägt, motivisch zu denken und zu hören. Die großen Melodieeinfälle sind ja nicht stilspezifisch, die sind einfach überall. Das ist mein Maßstab an gute Stücke: ein Motiv, das trägt.
Q.: Und wann fingst Du dann an, selbst Musik zu machen ?
A.: Das ist eine lange Geschichte: als ich fünf war, gab es Eignungstests für die Musikschule, was zeittypisch auf eine Karriere als Orchestermusiker abzielte. Bei diesem Test muss ich sehr gut gewesen sein, eine Art Naturtalent, was musikalische Auffassung angeht und sollte an dieser Schule Violine lernen. Nur die Horrorvorstellung, jeden Tag mindestens eine Stunde mit einer komischen Geige unters Kinn geklemmt im Zimmer zu verbringen, während meine Freunde draußen Fußball und Verstecken spielten, hat mich vor diesem grausamen Schicksal bewahrt. Später dann habe ich ein paar Jahre Klarinettenunterricht gehabt, um meinen Eltern einen Gefallen zu tun. Das beendete ich, als sich eine Sportlerlaufbahn abzeichnete. Und in einer Schwimmer- Trainingsgruppe traf ich Jahre später dann meine erste Band: drei Gitarristen (der schlechteste musste damals immer Bass spielen) und ich war plötzlich Schlagzeuger. Studiert habe ich das dann viele Jahre später nur, weil einige Leute, die nicht wirklich gut waren, an der Hochschule angenommen worden waren und ich bei mir dachte: „Einen Versuch ist es wert.“ Ich nahm Klavierunterricht und war plötzlich Musikstudent. Parallel habe ich dann immer in Bands gespielt, das hatte sowieso die höhere Priorität. Und nun, nach so vielen Jahren im Studio, auf der Bühne und im Proberaum ist es immer wieder großartig, zu spielen, neue Sachen zu lernen und den Blick zu erweitern. Wobei die magischsten Momente immer auf der Bühne passieren - das ist, wenn die Besetzung gut ist, nicht zu toppen. Da passieren nach wie vor Dinge, die Du vorher nicht ahnst und die Dich auf eine andere Bewußtseinsebene katapultieren.
Q.: Wie bereitest Du Dich vor - nicht auf spezielle Gigs, sondern so ganz allgemein ? Gibt es eine Alltagsroutine, um „drin“ zu bleiben ?
A.: Ja klar: Technik für Hände und Füße, Koordination und schließlich Phrasierung. Ich habe über die Jahre ein Standardprogramm entwickelt, das ich manchnmal minimal anpasse und wo ich Finger, Hände, Arme, Füße, Gelenke und Reaktionsvermögen trainiere. Das kann ich in zwei Stunden, aber auch in dreißig Minuten durchziehen. Wichtiger als die Dauer der Elemente ist der Fokus, mit dem das einzelne Element trainiert wird: das kann ein bestimmes Bewegungsgefühl sein oder ein Übergang zwischen Tempi mit einer ganz bestimmten ansatzlosen Schlagbewegung. Vieles an Soundqualität beim Spielen basiert auf der richtigen Visualisierung von Bewegungen.
Q.: Wie passt Du Dich an verschiedene Schlagzeuge an, wenn Du z. B. im Ausland auf Tour bist ? Für viele Schlagzeuger ist es ja ein Problem, auf fremden Fußmaschinen zu spielen, nimmst Du Dein Equipment mit oder gibt es einen Trick, immer zurechtzukommen ?
A.: Das ist ein schönes Beispiel: dieses Fußmaschinenproblem hatte ich als Anfänger auch. Da ist der Trick, viel und mit Fokus zu üben und zu spielen. Ich habe auch nie spezielle „Drum Shoes“ im Gepäck - ich spiele barfuß, in Flipflops, Sneakers und Anzugschuhen, einzig Winterstiefel sind nicht so prickelnd, alles wird ein bißchen schwerfällig. Ein guter Start sind natürlich immer bequeme Sportschuhe, da kann man nichts falsch machen. Ansonsten stelle ich sicher, daß das bestmögliche Equipment vor Ort ist und mache das Beste draus. Nochmal: der Trick, der alles löst, ist Üben und Spielen.
Q.: Dann lass uns mal noch ein paar technische Fragen klären: Du spielst ja ein sehr kleines Set, „almost jazz-like“, und das wirkt so überaus griffig und praktisch, daß man vom Zusehen Lust bekommt, sich sofort in den Übungsraum zu setzten und selbst loszulegen.
A.: Naja, die Setgröße hat zwei Aspekte: den der Konzentration aufs Musikalische und den des Schleppens. Ich hatte in den Neunzigern wie die Meisten ein reguläres Fusion- Setup eines bekannten japanischen Herstellers, der auch Motorräder und Bootsmotoren baut. Das bestand aus 22er Bassdrum, Toms in 8, 10, 12 und 14 Zoll und diversen Snares, die sich über die Zeit angesammelt hatten. Und natürlich Millionen Becken. Dann kam ich so nach und nach auf Ludwig- Snares, nahm dann irgendwann aus einem ehemaligen Farian- Studio nach einem Job einen Haufen altes Equipment mit und verliebte mich in Ludwig und Gretsch- Instrumente. Wenn Du einen so fetten Sound hast, wie ihn alte Kits erzeugen, brauchst Du nicht mehr so viele Instrumente am Set: jede Trommel ist in der Lage, Dir in einer Stimmung vier richtig gute Sounds zu liefern.
Q.: Auf Deiner Webseite steht, daß Du jetzt Canopus Drums spielst ?
A.: Das ist die logische Fortsetzung der Ludwig/ Gretsch- Geschichte. Die Modern Vintage Kits sind Vintage Trommeln ohne die Macken der echten Vintage Sets. Wer je ein altes Schlagzeug auf längeren Tourneen gespielt hat, weiß, wovon ich rede. Das Canopus ist von der Fertigungsqualität das Beste, was ich je besessen habe (und ich habe alle Topmarken ausgiebig benutzt) - allein wie die Fellkragen beim Fellwechsel auf die Gratungen gleiten ist eine Lust; Du bekommst beim ersten Mal den Eindruck, die Trommeln stimmen sich fast von selbst. Böse verkürzt ein Gretsch in Sonor- Fertigungsqualität mit dem unglaublichen traditionellen Holz- Know How der Japaner.
Q.: Nun zu etwas komplett anderem: wie würdest Du die Veränderungen in der Joblandschaft für Musiker in den letzten Jahren aus Deiner Sicht beschreiben ?
A.: Da gibt es den Rückgang der Auftrittsmöglichkeiten, bei denen man fair bezahlt wird und zum anderen das Studiogeschäft, wo immer weniger Produktionen anfallen, für die ein realistisches Budget bereitsteht. Und dann haben in beidem noch eine sehr umstrittene Urheberrechtsgesellschaft und die großen Gesellschaften die Finger drin. Das führt dann zum einen dazu, daß die lokalen Großveranstalter nur noch eine untergeordnete Rolle bei Tourneen der Majors spielen dürfen, weil die gemerkt haben, daß sich da noch etwas Geld rauspressen läßt - das haben Konzertgänger in den letzten Jahren schmerzlich an den Ticketpreisen gemerkt; zum anderen können viele kleine Veranstalter aufgrund der „Bohlen- Abgabe“ keine oder nur sehr wenige Livekonzerte veranstalten.
Q.: Aber die Studiolandschaft hat sich doch auch durch die digitale Produktionsweise komplett verändert, oder ?
A.: Bei den etablierten Studios ist das eine reine Technikumstellung gewesen. Jetzt stapeln sich Festplattenbehälter statt Bandkartons auf Schreibtischen und Fensterbrettern. Die nervige Spulerei entfällt und es gibt einen Serverraum. Aber ja, vieles, was früher produziert wurde an Demos und Bemusterungen wird jetzt zu Hause oder zumindest selbständig mit dem eigenen Rechner gemacht. Also auch wieder weniger Jobs. Und jedes Jahr kommen zusätzliche Musiker auf den Markt, die nur noch durch Verdrängung überhaupt an Gigs kommen. Das drückt enorm auf die Stimmung und natürlich auf die Preise. Vom Live- Spielen zu leben ist nur noch mit unsäglicher Dienstmusik oder im Orchester möglich. Das kenne ich noch anders, in den Neunzigern war es überhaupt kein Problem, ohne Unterrichten, Studio und Programmieren über die Runden zu kommen.
Q.: Wie stehst Du zu Elektronik für Schlagzeuger ?
A.: Oh, das ist ein weites Feld. Da ist einmal die komplett andere Arbeitsweise und dann die Frage der Sounds - also will ich Akustik- Sounds imitieren oder setze ich Elektronik kreativ ein ? Viele Drummer unterliegen ja auch dem Irrtum, daß E- Drums leichter zu handhaben sind. Sind sie aber nicht. Man tauscht Hardwarekonstruktionen (die robust sind) gegen Kabelbäume, die empfindlich sind. Meine Erfahrung zeigt, daß die Ausfallwahrscheinlichkeit bei E- Drums um ein Vielfaches höher ist als beim akustischen Schlagzeug. Schon beim Nach- Regen- Open Air kann durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit Unverhofftes auftreten. Und Auf- und Abbauen dauert tatsächlich länger ! Das Schleppen wird durch die Notwendigkeit eines ordentlichen Bühnensounds und Monitorings auch nicht weniger. Drums ausschließlich über InEar zu hören nimmt der Sache viel Freude. Ich habe es vor Jahren verworfen, live mit E- Drums zu spielen und verwende mein Macbook Pro als AddOn mit Trigger- to- MIDI- Interface und Tonabnehmern, wenn das verlangt wird, sonst ist es manchmal auch nett, im Studio schnell etwas zuzuspielen. Für eigene Produktionen würde ich allerdings immer mit selbsterstellten Sounds experimentieren, die ich am normalen Schlagzeug nicht erzeugen kann. Das kann sehr spannend sein, Klänge zu entwerfen, die vollsynthetisch sind und einen trotzdem tief im Innersten berühren. Diesen Effekt habe ich als Jugendlicher kennengelernt und das ist die Philosophie, der ich mit Elektronik folge. Alles andere geht akustisch besser und schneller.